Alles, Ihr Lieben, auch wenn das auf den ersten Blick komisch erscheinen mag. Denn was passiert in der ES? Sie hilft uns ja dabei, Situationen zu ertragen, die wir ohne diesen „Spannungsablass“ gar nicht ertragen könnten. Ist das nicht gut? Ist das etwa nicht hell?

Nein, ist es leider nicht. Also, anfangs schon. Ganz am Anfang, wenn die ES geboren wird, ist sie einfach nur ein Mittel, um zu überleben. Meistens in einer Zeit, in der man noch lange nicht erwachsen ist und noch lange nicht auf das große Repertoire an Entscheidungsfreiheiten und Möglichkeiten zurückgreifen kann, wie Erwachsene es – theoretisch – können.

Das Dumme ist, dass sie es oft ja nicht tun. Weil und wenn wir die ES bereits als Zwischenlösung bereits, behalten wir sie gerne gleich dauerhaft, ohne sie noch einmal bewusst als „beste Lösungsmöglichkeit“ für Spannungszustände zu hinterfragen. Aber genau das ist wichtig.

Die Spannungen so lange aushalten, bis man ganz genau hingucken konnte, woher sie kommen und warum sie da überhaupt sind, ihre Ursache(n) entlarven und auflösen … das wäre hell gehandelt.  Es reicht ja nicht zu sagen „Da war ein schlimmes Kindheitstrauma bei mir“ und dann nichts weiter zu tun. Man muss es auflösen, damit man befreit weiter machen kann. Man muss es quasi zerlegen. Was schlimm in und an diesem Trauma war, und weshalb. Und weshalb einem das heute, als Erwachsenem, nie mehr passieren kann. All diese Erkenntnisse sind wichtig dafür, dass man es auflösen kann. Und dann braucht man keine ES mehr, weil es keine neuen Spannungen mehr gibt. Ab diesem Punkt ist die Verzweiflung weg und der Weg der Schaffenskraft frei. Und exakt dieser Weg wäre sehr hell.

Natürlich ist es mitten in der Spannung selbst aber viel verlockender, der Verzweiflung nach zu geben, sich selber zu verletzen (der Drang ist ja unbestreitbar da, und er ist groß), zu hungern, unschön zu fressen und zu … das k-Wort, ihr wisst schon … und dann irgendwie zwar sehr, sehr unglücklich, aber doch auch deutlich ent-spannter als zuvor zurück zu bleiben. Ja, das ist verlockend. Wie immer, wenn die dunkle Seite im Spiel ist. Sie lockt und verspricht – aber in Wirklichkeit hält sie einen damit nur in der Spirale der Verzweiflung gefangen. Und genau das ist ja ihr Ziel. Menschen dauerhaft verzweifelt halten, ihnen die Sicht auf Auswege nehmen (gerade auch auf einfache Auswege) und dafür sorgen, dass sie sich in immer wiederholenden Kreisen versucht fühlen, der Verlockung zu folgen und sich dabei eben immer tiefer im Teufelskreis zu verstricken. Die Verzweiflung bleibt, und die dunkle Seite labt sich auf Dauer. Nicht nur bei den Betroffenen selber, sondern zunehmend auch in ihrem Umfeld, weil so ein Ausmaß an Selbstverletzung und Selbstzerstörung ja an Menschen, die einen lieben, nicht ohne immer größer werdenden Schmerz vorbei gehen kann.

Es klingt pathetisch, wenn ich an dieser Stelle „Führe uns nicht in Versuchung“ zitiere, oder? Im Grunde gehört der Satz aber hierher. Der Versuchung folgen, fressen, sich übergeben, die kurze Entspannung genießen, aber immer tiefer in der ES gefangen sein … das ist ganz dunkel, Ihr Lieben. Hungern natürlich ebenso. Das ist Leid, das erhält das Leid aufrecht und das schafft im gesamten Umfeld jede Menge neues Leid.

„Sondern erlöse uns von dem Bösen“ heißt: helle Wege aus der Spannung suchen. Gucken, „wer“ die Spannung überhaupt ist. Wo sie zum ersten Mal her kam. Noch genauer gucken, warum sie gar nicht mehr nötig ist. Das ist sie ja nicht, wenn man erwachsen und entscheidungsfrei ist. Garantiert. Eigentlich ist diese Tatsache eine Selbstverständlichkeit. Aber der Blick darauf ist gar nicht so leicht, da steht etwas dazwischen. Nämlich das Gefühl, die Spannung gar nicht aushalten zu können. Nicht lange genug jedenfalls, um ihre Ursache zu entlarven und andere, helle Wege zum Spannungsablass[1] zu finden.
Aber man kann es, Ihr Lieben. Man muss es sogar. Weil das der Weg aus den sich immer wiederholenden Spannungen, aus dem sich immer wiederholenden und sich ausbreitendem Leid heraus ist. Weil es der helle Weg ist. Sanft mit sich selbst, gleichzeitig stark, in der Lage Entscheidungen für sich selber zu treffen. Das ist hell. Das ist Un-Abhängigkeit. Und das ist das Schlimmste, was die dunkle Seite, die sich so sehr an Verzweiflung nährt, sich vorstellen kann. Ich finde es schon sehr wichtig, sie nicht auf Dauer zu nähren, sondern sich ganz bewusst dagegen zu stellen. Die Sanftheit zu suchen, das Verständnis mit sich selber, das Erkennen der Gründe und das tiefe Gefühl der Erleichterung, wenn man mit dem ganzen Körper realisiert, dass man als erwachsener, selbstbestimmter Mensch nicht länger an irgendwelche äußeren Gründe gebunden ist.

Tja, das war ein wirklich ungeplantes Wort zum Donnerstag. Aber hier ist es – hugh.
Kommt gut in den Tag, Ihr Lieben alle 😊

[1] Damit meine ich all die „kleinen Dinge“, die kleinen Hilfen, die wir im Forum in steter Wiederholung in den Tagesthemen besprechen 😊 In ihrer Gesamtheit sind sie unglaublich machtvoll.

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