Kleine Triggerwarnung Missbrauch, Ihr Lieben
Ich habe den Text gerade auf der Suche nach etwas anderem auf meiner Festplatte entdeckt. Und nun stelle ich ihn spontan ein, weil ich glaube, dass er für viele einen ziemlichen Wiedererkennungswert haben könnte.

So kennt ihr mich gar nicht – wetten 😉 ?
10 Jahre sind seitdem vergangen, sogar etwas mehr.
Aber die Fesseln, die ich in dieser Spanne abgestreift habe und der Raum voller Aussichten, den ich statt dessen betreten habe, wiegen mehr als eine ganze Welt …

Bachern im April 2018

 

 

18.06.07   Beginn

Ich bin Ärztin. Ich kann zuhören und mitempfinden und Hoffnung machen. Wenn es mir selber schlecht geht, kann ich das wegstecken. So gut, dass nie irgend jemand etwas gemerkt hat.

Ein ums andere Mal hatte ich Sprechstunde, habe Patienten aufgenommen und gelächelt. Wenn der Chef gefragt hat, wie´s läuft und wie es geht, habe ich gesagt „gut!“ und interessierte Fragen zu Röntgenbildern und Fällen gestellt. Wenn ich heim gekommen bin, habe ich geheult und mit dem Kopf auf den Boden geschlagen. Wenn viele Aufnahmen auf einmal zu managen waren, habe ich das bewältigt und noch akute Patienten zwischen rein genommen. Gelächelt und zugehört, getröstet und die Therapie angepasst. Wenn ich heim gekommen bin, habe ich erbrochen und geheult und geschrien. Wenn ich nicht mehr konnte, habe ich so lange am Sandsack trainiert, bis die Knöchel blutig waren und der Schmerz mich wieder zur Besinnung brachte. Ich bin spät ins Bett und habe die halbe Nacht wach gelegen, die andere halbe habe ich unruhig geschlafen und bin morgens verkrampft und mit völlig durchnässtem Schlafanzug aufgestanden. Wusste nicht, wie ich einen weiteren Tag schaffen, geschweige denn auch nur das Haus verlassen sollte. Dann bin ich in den Dienst gefahren, habe den Mitarbeitern fröhlich guten Morgen gesagt und gefragt: „Na, wie geht´s?!“, habe auf dem Gang meine Patienten begrüßt und ihnen bei Bedarf zugehört und habe dann mit der Sprechstunde angefangen. Ich hatte Angst, abends heim zu gehen, weil ich Angst vor den Tränen und der Verzweiflung hatte. Ich war froh, dass ich heim gehen konnte, weil ich tagsüber bereits seit Stunden äußerlich lächelnd innerlich nur noch geschrien hatte.

Dann habe ich eine Patientin aufgenommen, die in früher Kindheit missbraucht worden war. Sie hat gelitten, mit schwersten Depressionen gekämpft, sich Tag für Tag durch ihr Leben gequält. Sie hat mir in der ersten halben Stunde ihr ganzes Leben und Leiden erzählt. Ich habe sie verstanden, weil ich all ihr Leid kannte. Ich habe mich gefragt, warum es mir so unendlich vertraut schien. Ich habe mir Literatur besorgt, um ihr helfen zu können, denn ich hatte mich noch nie mit Missbrauch beschäftigt. Als ich die ersten Basics gelesen und noch mehr von dem gehört hatte, was die Patienten mir zu erzählen hatte, wusste ich, dass auch ich missbraucht worden bin.

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