Liebe A., was du erlebt hast – was auch ich genau so erlebt habe und viele andere ebenfalls – ist ein sehr schlimmer, sich selbst verstärkender Kreislauf.

Die Eltern geben ihren Kindern Gedankengut weiter, das krank macht. Auch den Eltern selbst setzt dieses Gedankengut natürlich zu, ohne dass sie es entlarven. Aber immerhin bricht die Krankheit bei ihnen selbst nicht sofort aus. Bei ihrem hochsensiblen Kind dagegen schon.

Dieses Kind spürt eine unglaubliche Zerrissenheit in sich, wenn es gemäß Gesetzmäßigkeiten denken und handeln soll, die quer sind. Die seelisch kaputt machen. Die vom Wesentlichen ablenken und unnatürlich sind. Leistungsdenken gehört zum Beispiel dazu. Oder Feindbilder, die über Generationen überliefert werden. Egospiele gehören an vorderer Stelle mit dazu, wenn Schein und Show wichtiger werden, als das Wohlbefinden selbst. Wenn man sich verbiegen muss und nicht länger zeigen darf, wie man „ist“.

Das Kind hat also Spannungen und sucht einen Ablass dafür. Es ritzt sich, hat Depressionen, frisst und kotzt. Oder es wechselt auf die Seite des Kontrollwahns und hört auf, zu essen.
Natürlich suchen die – darüber höchst verzweifelten – Eltern die Gründe nicht in dem Gedankengut, das in ihren Familien seit Generationen weiter gegeben wird. Oder das im Krieg verständlicher Weise entstand. Auch dieses Kriegsgrauen, das wird heute immer noch weiter gegeben. Und auch die Eltern selbst leiden darunter! Aber mangels Hochsensibilität eben nicht so sehr, dass es sie innerlich schier zerreißen würde. Und so suchen sie die Gründe für dessen „Krankheiten“ bei ihrem Kind.
Sie schicken es in Therapien, geben den letzten Pfennig dafür aus, suchen Klinik nach Klinik und haben nur einen einzigen Wunsch: dass es dem Kind wieder gut gehen möge.
Und hier schließt sich ein ganz fataler Teufelskreis: mit der Erwartung, dass man fit und fröhlich ist – und mit dem Wissen, dass an dieser Tatsache auch die Zufriedenheit der Eltern hängt!! – kann kein Mensch mehr unbefangene Freude empfinden. Wie denn auch?
Innerlich wird man zerrissen, weil die Denkmuster die eigene, lebenshungrige Seele vergewaltigen. Wenn man die Spannungen aber ablässt – durch Borderline, Bulimie – oder sich von ihnen lähmen lässt – in Form von Depressionen – oder versucht, die Gesamtsituation zu kontrollieren – durch Magersucht – erkennt die Umwelt dieses Verhalten als „krank“ und steckt einen in Therapie.
Und das Wissen, dass die eignen Eltern, die man doch liebt, „wegen einem selbst“ ebenfalls nur noch verzweifelt und unglücklich sind, stürzt einen zusätzlich in tiefe Schuldgefühle. Was passiert? Die Spannungen werden noch größer, und die „Symptome“ der Krankheit noch schwerer. Die Therapiemaßnahmen werden hoch gefahren, während die Verzweiflung der Eltern zunehmend jeden Rahmen sprengt.

Es braucht eine massive Unterbrechung dieses sich ständig selbst verstärkenden Kreislaufs, damit nach und nach ALLE Beteiligten aus der Verzweiflung aussteigen können.
Und ich sage es noch mal in aller Deutlichkeit: Das Kind ist weder krank, noch hat es irgendeine Schuld. Sondern es versucht einfach nur, als empathischer Mensch in einer total vertrackten Situation die Nase über Wasser zu halten.
Und die Eltern – jetzt kommt es – sind auch nicht schuld. Wie sollten sie? Sie geben nur „das Wissen über die Zusammenhänge der Welt“ weiter, die sie von ihren Eltern bekommen haben. VOLLKOMMEN unbewusst. Ich meine, man hinterfragt doch nicht, was man als kleines Kind lernt. So ist die Welt eben, und wenn nichts in einem selbst dagegen rebelliert, stellt man es auch nicht in Frage. Die Eltern wollen also nur das Beste für ihr Kind. Ihr einziger Fehler ist, dass sie eigene Vorstellungen von diesem „Besten“ haben.
Anstatt das Kind selbst zu fragen.
Würden sie DAS tun, würde die Gesamtsituation sich peu à peu wieder in Wohlgefallen auflösen. Dann gäbe es nämlich keine innerpsychischen Konflikte mehr, das Kind fände zu seiner Mitte und zu einem gesunden Selbstausdruck und sie alle wären zufrieden und glücklich bis ans Ende ihrer Tage …
Aber die Realität sieht leider anders aus.

Deshalb war der Satz „meines rettenden Ritters“ aus dem letzten Text so heilsam: „Jetzt lasse ich dich in deinem Leid wieder allein, ich bin nämlich noch im Biergarten verabredet.“ Was für eine Aussage steckt da drin? Na doch wohl, dass er SELBER für seine Zufriedenheit verantwortlich zeichnet und das nicht – wie meine Eltern damals – von MEINEM Ergehen abhängig macht. An dieser Stelle wurde der Teufelskreis für mich durchbrochen. Ich war nicht mehr „schuld daran“, dass es einem anderen schlecht ging. Und das, Ihr Lieben, ist ein Lebensprinzip: Für sein Wohlergehen ist man in ganz großen Teilen selber verantwortlich!
Wenn man es aber daran festmachen will, wie es einem anderen gerade geht, schafft man eine künstliche Abhängigkeit. Und Abhängigkeiten verschlimmern einfach immer jedes Leid. Sie erschaffen Teufelskreise, die kaum mehr zu sprengen sind.
Heute fange ich nicht mehr an zu flüstern, wenn ich ein Krankenzimmer betrete. Ich verberge dann auch nicht länger meine eigene Freude am Leben – die ich HABE, auch wenn es anderen schlecht geht – sondern ich teile ihnen vielmehr meine eigene Freude mit. Und siehe da – es ist entspannend. Und Aufbauend. Für alle Beteiligten.
Natürlich kann man von verzweifelten Eltern nicht aus dem Stand erwarten, dass sie von sich aus eine große Unbeschwertheit und Freude entwickeln, während es ihrem Kind einfach nur grauenhaft geht. Das ist völlig klar. Das geht nicht.
Es ist vielmehr das Kind, das diesen Schritt machen muss. Indem es DAS tut, was die Eltern nicht geschafft haben: Die krank machende Denkweise sprengen, die über Generationen weiter gegeben wurde. Authentisch werden und leben. Entdecken und TUN, was die eigene Stärke ist, und was Freude bereitet.

Leider wird man dabei von der Familie anfangs eher nicht unterstützt. Man wird im Gegenteil für noch kränker erklärt, für verblendet, weltfremd, nicht zurechnungsfähig. Das ist verständlich, oder?
Aber wenn man trotzdem „dran“ bleibt, Ihr Lieben … wird der Teufelskreis gesprengt.
Wenn das Kind sich selber kennen lernt, wenn es sich ein un-abhängiges, gesundes Denken gestattet und die Überzeugungen, den Leistungsdruck und die oft auch bestehende Übergriffigkeit des überlieferten Denkens ablegt … dann, ja dann lösen sich die innerpsychischen Spannungen auf. Und es kommt die Freude zurück.

Und DANN muss das Kind etwas Weiteres, sehr Schweres bewältigen: es muss sich diese Freude zugestehen und sie (aus-)leben, noch WÄHREND im Elternhaus Verzweiflung und Unverständnis herrschen und sicherlich auch viele Vorwürfe herum fliegen.
Erst, wenn das Kind DAS schafft … wenn die Eltern mit der Zeit gar nicht anders KÖNNEN, als sein Glück und seine Stärke wahr zu nehmen … dann ist der Teufelskreis auch für sie gesprengt.
Und dann erst kann man immer besser untereinander reden. Sich gegenseitig erklären, was in all den grauenhaften Jahren eigentlich passiert ist, welche Situation welche Angst ausgelöst hat. Dann kann man sich gegenseitig verstehen, und in diesem Moment verlassen auch die Eltern das überlieferte, krank machende Denken und machen – nach ihrem Kind – den Quantensprung.
Ab da bringt man Farben und Freude in jedes Krankenzimmer hinein, das man betritt, anstatt dass man still und grau vor lauter Mitleiden würde. Dann ist es nicht länger das LEID, das von einem zum anderen weiter gegeben wird, sondern es sind dann die Kraft und die Freude.

Ich weiß, wovon ich schreibe, weil ich diesen Weg exakt so erlebt und gemacht habe. Meine Mutter, mit der ich unendlich verbunden bin, hat ihn ebenfalls gemacht. Und obwohl es während unserer „Quantensprünge“ schreckliche, vernichtende, psychisch fast nicht zu überlebende Auseinandersetzungen gab, auf die wir heute mit Schaudern zurück sehen, sind wir einfach nur unglaublich dankbar dafür, dass wir heute SO ticken können, wie es natürlicher Weise und sehr gesund in uns angelegt ist.
Denn was vernichtet wurde, war nicht etwa die gegenseitige Liebe, die wir haben. Sondern was in diesen Auseinandersetzungen in uns sterben musste – und sich auch so angefühlt hat! – waren alte, tief sitzende und krank machende Denkmuster, die schon über Generationen hinweg weiter gereicht worden waren.
Meine Mutter hatte sich ihnen teils noch gebeugt und sie selber teils ertragen, um mit ganzer Kraft und Aufmerksamkeit für uns Kinder da zu sein. Erst ich bin an ihnen erkrankt, und ich war es deshalb auch, die sie sprengen musste. Aber eben nicht nur für mich selbst, sondern für die ganze Familie. Jeder aus meiner Familie, der sich der überlieferten Denke voller Floskeln, Kriegsfolgen und verworrenen Abhängigkeiten nicht länger unterwerfen möchte, kann jetzt ebenfalls durch diese Tür gehen und ganz authentisch leben – sie steht nämlich sperrangelweit auf.
Es braucht in jeder Familie Menschen, die diese Tür aufmachen. Und der Anlass dazu ist leider immer Krankheit. Als manifestes Zeichen, dass im Denken und Handeln etwas ganz und gar nicht stimmt.
Immer sind es die Hochsensiblen, die diese Krankheiten entwickeln. Sie, die eigentlich viel zu zart für Leid veranlagt sind, trifft es mit aller Härte. Und immer sind es die Generationen vor ihnen, die vom alten Denken nicht einfach so ablassen wollen. Die behaupten, dass das, was immer schon war, deswegen auch stimmt. Aber davon darf sich niemand abhalten lassen! Erstens hängt die eigene Gesundheit dran – und wir haben auf der Erde nur dieses Leben – und zweitens BRAUCHT die Welt in jeder Generation uns scheinbar „schwarzen Schafe“ – die wir in Wirklichkeit Glücksbringer sind – die aus der Familientradition ausbrechen, und die Altes und krank Machendes „sprengen“, damit erneut Gesundheit in die Familienlinie einziehen kann.
Download als PDF 🙂