Es war einmal ein kleines Wollknäuel, das lebte zusammen mit seiner Wollknäuelfamilie. Es sah prächtige Farben um sich herum, die es wahrhaft toll fand. Sie waren fröhlich und meistens gut drauf, und genau so wollte das kleine Wollknäul auch sein!
Ja, vielleicht WAR es tatsächlich auch so? Das konnte das kleine Wollknäul nicht mit Sicherheit sagen. Denn die Knäule waren alle derart durcheinander und ineinander verwickelt – wie das bei Familien eben so ist – dass das kleine Wollknäul nicht wusste, wo der eigene Faden aufhörte und die Fäden der anderen begannen.
„Du musst etwas fransiger werden, mein Liebes!“ sagte die Mutter jeden Tag zu ihm. Denn sie war selber fransig und sehr glücklich damit, und sie wollte auch für ihr Kind nur das Beste.
Das kleine Wollknäul bemühte sich redlich, sein Faden blieb und blieb aber einfach glatt. Egal, was es tat. Das machte das kleine Wollknäul sehr unglücklich. Denn die Fransen schienen seiner Mutter wirklich sehr wichtig zu sein, und es wollte sie um nichts in der Welt enttäuschen. Es liebte seine Mutter doch!
„Grün!“ brummte der Vater regelmäßig, wenn sein Faden und der Faden des kleinen Wollknäuels sich kreuzten. „Wenn du nicht endlich grün wirst, wird nie was aus dir!“.
Auch das gelang dem kleinen Knäul jedoch nicht. Egal, wie sehr es sich bemühte. Sein Faden wollte einfach keine grüne Farbe annehmen. Das machte dem Vater sehr große Sorgen, denn auch er wollte sein Kind glücklich sehen. Und „grün“ war für ihn selber nun mal der Inbegriff von Glück.
Leider sagten die Eltern dem kleinen Wollknäul nie, dass sie all diese Forderungen nur deshalb stellten, weil sie es glücklich sehen wollten. Auf die Idee kamen sie einfach nicht. Und das kleine Wollknäul wurde ob der Anstrengung, fransig und grün zu werden, jeden Tag ein bisschen unglücklicher. Und es kam sich immer mehr wie ein Versager vor. Es fühlte sich in dem großen Knäul, in das nicht nur seine eigenen Emotionen flossen, sondern auch alle Freuden und Ängste, Spannungen und Vorstellungen seiner Eltern, Geschwister, Cousins und Cousinen, seiner Tanten und Onkel, Großeltern und Urgroßeltern, mit zunehmendem Alter nicht mehr wirklich wohl.
„Ich wäre so gern ein eigener Faden“, dachte es still bei sich. Und es träumte sehnsüchtig von seinem geheimen Vorbild, einem wunderschönen, dicken Goldfaden aus dem Nachbarknäul. Sagen traute das kleine Wollknäul sich das nie. Denn der dicke Goldfaden war ja weder grün, noch hatte er Fransen, und das kleine Wollknäul wollte die Eltern nicht mit seinen offenbar abartigen Sehnsüchten enttäuschen.
Die Zeit zog ins Land und die Fäden des großen Knäuels verwickelten sich bei den verzweifelten Versuchen des kleinen Wollknäuls, grün und fransig zu werden, immer mehr.
„Euer Kleines nimmt keine gute Entwicklung!“ sagten die Fäden aus dem Nachbarknäul zu den Eltern. Denen war das natürlich selber auch bewusst. Und so kräuselte sich ihnen vor Sorge der Faden, was im ohnehin schon herrschenden Durcheinander eine Katastrophe für das gesamte, große Familienknäuel war. Durch die elterliche Verzweiflung wurden auch die Verstrickungen um das kleine Wollknäul herum und durch es hindurch nur noch größer. Es kam der Tag, an dem man buchstäblich keinen einzigen Faden des Knäuels mehr vom anderen trennen konnte.
Und DANN kam der Tag, an dem das kleine Wollknäuel nicht mehr konnte. Es konnte einfach nicht mehr! Und es wollte nicht mehr. Denn bei den Versuchen, grün und fransig zu werden, ging es einfach nur vor die Hunde. Für einen Versager hielten seine Eltern es ohnehin schon!
Stück für Stück zog das kleine Wollknäuel seinen Faden deshalb aus dem großen Knäuel heraus. Das war sehr mühsam und dauerte mehrere Jahre. Denn vorher gab es mit den einzelnen Familienmitgliedern derart viele Knoten und Kuddel zu lösen, dass es manchmal echt nur noch ermüdend war.
Um einen Knoten lösen zu können, mussten nämlich beide Fäden mitmachen, wenn es angemessen schnell gehen sollte. Überall dort, wo die anderen Fäden nicht hinsehen wollten und stattdessen sagten: „Was soll ICH mich ändern? Es ist schließlich DEIN Knoten!“, musste das kleine Wollknäuel die ganze Arbeit alleine machen. Sogar bei Knoten, für die es selber ÜBERHAUPT nichts konnte. Das machte es wütend und eben auch oft müde.
„Was für eine Enttäuschung!“ sagten seine Eltern zu ihm. „Hör auf damit! Du enttäuschst uns nur!“
Trotzdem blieb es unermüdlich. Es ent-wickelte Knoten um Knoten, Kuddel um Kuddel und Verstrickung um Verstrickungen, und eines Tages hatte das kleine Wollknäuel seinen ganzen Faden aus dem großen Knäuel der anderen heraus gezogen.
Das war der Augenblick, in dem das kleine Wollknäuel im Spiegel zum ersten Mal sah, wie es selber war! Und was sah es? Es blickte auf einen wunderschönen, unglaublich zarten und starken goldenen Faden. Filigran, glatt und glänzend, unaufdringlich edel und schon beim Anblick eine einzige Augenweide.
Das kleine Wollknäuel wusste: Genau so wollte es sein!
Aber was war nun mit seinen Eltern?
„Seid ihr jetzt sehr ent-täuscht von mir?“ fragte es seine Mutter bei der nächsten Gelegenheit.
„Aber Kind!“ sagte die Mutter unter Tränen. Auch der Vater gesellte sich dazu, und bei ihm glitzerte es in den Augen ebenfalls verdächtig. „Kind“, sagte die Mutter also, „wir sind doch jetzt glücklich! Du bist so wunderschön! Und so vollständig! Noch nie habe ich einen schöneren Faden gesehen, als den deinen! Und welche Stärke, Ruhe und Zufriedenheit du ausstrahlst – das ist so wunderbar! Genau DAS habe ich mir immer für dich gewünscht. Bitte verzeih mir, mein Kind, dass ich einer so gewaltigen Täuschung unterlag und dir über Jahre hinweg mit falschen Erwartungen Leid bereitet habe. Ich dachte, nur fransig könntest du glücklich werden. Aber jetzt sehe ich, dass Fransen überhaupt gar nichts für dich sind! Mach weiter so, mein Kind. Du hast einen wunderbaren, unendlich kostbaren Faden! Ich bin so unendlich froh, dass du mich von meiner Täuschung befreit und nicht auf meinen Irrglauben gehört hast. Besser als es jetzt ist könnte es nicht sein!“
„Schön“ brummte da auch der Vater und wischte sich schnell über die Augen. Da er nicht redselig war, wog dieses eine Wort genauso, wie die vielen Worte der Mutter.
Das machte das kleine Wollknäuel so glücklich, dass es direkt einen Hopser aus dem großen Korb machte, in dem das große Knäuel lag. Und es dauerte nicht lange, bis neben ihm auf einmal ebenfalls kleine Wollknäule landeten, die sich in den Verwicklungen des großen Knäuels auch nicht viel wohler gefühlt hatten. „Gelb!“ jauchzte es neben ihm. Und „Silbern!“ rief ein anderes Knäuel. „Blau!“ tönte es von der anderen Seite des Korbes her, und „Orange!“ jubelte ein Knäuel neben dem kleinen Wollknäuel.
Manche von ihnen wanderten in andere Zimmer, Regale und Körbe, und manche hüpften wieder in ihren altern Korb zurück, in dem die Familie war. Nur, dass das Kuddelmuddel nun deutlich zurück gegangen war und dass man nun viel mehr glücklich glucksende Laute hören konnte, wenn man lauschte. Die Fäden, die noch im großen Knäuel verwickelt waren, konnten ihrer Bestimmung solange nicht zugeführt werden, weil man dafür ja knoten-freie Fäden brauchte. Aber die Fäden, die sich schon ent-wickelt hatten, wurden zu den schönsten Woll-Kunstwerken, die man sich nur vorstellen kann. Und die ganze Familie war stolz auf sie.

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