Wer etwas braucht, muss auch riskieren, andere zu nerven. Denn wenn man es nicht riskiert, begibt man sich ja automatisch in Abhängigkeit. Beispiel: Wenn ich nicht fit zum Rasenmähen bin und mir wünsche, dass ein freundlicher Nachbar das für mich tut, muss ich ihn direkt fragen. Auf meiner Stirn lesen kann er es nicht.

Wenn ich aber nicht nerven will, werde ich anfangen, tief in ihn hinein zu fühlen. Ist gerade der richtige Zeitpunkt für meine Bitte? Ist er gut drauf? Oder hat er so viel um die Ohren, dass ich vielleicht gar nicht fragen darf? Hat er vielleicht gerade Magendrücken oder Hämorrhoiden?
Und ganz ehrlich, Ihr Lieben … wer mag es schon, wenn jemand anders sich ungefragt bis zu den eigenen Hämorrhoiden vortastet, nur weil er den Rasen gemäht haben will?

Souverän ist es, direkt zu fragen – und mit der Antwort dann mitzuschwingen.
Man kann doch nicht für einen anderen entscheiden, was der gerade kann oder nicht kann, will oder nicht will. Das ist das alte Spiel von Angebot und Nachfrage. Der Kunde entscheidet über die Nachfrage, und der Anbieter entscheidet über das Angebot. Auch, wenn Angebot und Nachfrage natürlich unmittelbar und in ständigem Wechselspiel aufeinander eingehen.
Leider wird dieses Spiel nur im kaufmännischen Bereich konsequent berücksichtigt, in Sachen Selbstverantwortung aber eher selten.

Spielt man es überall, wird es easy. Dann braucht man mit den Antworten wie gesagt nur noch mit zu schwingen. Oder? Bekomme ich im obigen Beispiel gespiegelt, dass der andere von meiner Bitte überfordert ist, kann ich ja souverän darauf eingehen. „Sorry Reinhard, ich MUSSTE fragen, weil ich gerade selber nicht kann, und das Gras wächst … aber ich höre mich mal bei Michael um. Nichts für ungut. Lust auf ein Bier übermorgen Abend?“ Situation entspannt.
Bekommt man ein klares, relaxtes Ja, ist alles fein. Angebot und Nachfrage stimmen überein, und jeder der beiden hat selbstverantwortlich entschieden und gehandelt.
Bekommt man ein klares, relaxtes Nein, ist auch alles fein. Dann braucht man nichts weiter tun, um die Spannung zu lösen, weil die Situation bereits entspannt ist, und kann gleich zum Bier übergehen. Und danach Michael fragen.

Wartet man jedoch darauf, dass der andere einem signalisiert, dass, wann und am besten auch noch wie man mit einer Frage zu ihm kommen darf, verliert man die eigene Souveränität. Komplett Weil man sich in dem Moment von fremden Stimmungen abhängig macht – und auch, weil man seine Nase in diese fremden Stimmungen, die einen ohne Aufforderung ja wohl nichts angehen, ungefragt hinein steckt. Womöglich noch richtig tief. Bis zu den Hämorrhoiden.
Sensible Menschen – wie ich – spüren so etwas und reagieren dann mitunter: genervt. Genau das, was man durch das Warten auf den richtigen Zeitpunkt oder die richtige Stimmung vermeiden wollte!

Menschen wie ich spüren es sogar, wenn ein Nachbar sich nach lockerem Smalltalk mit einem sehnt, um dieses „Die-Luft-ist-rein-Gefühl“ zu bekommen, das zu Fragen geradezu einlädt. Ich spüre es sehr deutlich, wenn sich jemand wünscht, dass ich gerade happy und fit bin, damit er mich etwas fragen kann. Und früher habe ich dieses Spiel tatsächlich immer mitgemacht. Dann habe ich happy und fit getan, und den anderen mit allen subtilen Mitteln geradezu aufgefordert, ungehemmt seine Frage oder Bitte bei mir anzubringen. Das habe ich auch dann gespielt, wenn es mir in Wirklichkeit schlecht ging. Ihr könnte euch ja vorstellen, dass ich abends entsprechend lang über der Kloschüssel hing.
Heute spiele ich das Spiel nicht mehr mit. Heute nehme ich neben den Bedürfnissen anderer Menschen auch meine eigenen Bedürfnisse wahr. Und – oh Wunder – heute bin ich deshalb viel öfter fit zum Rasenmähen 😊 Auch, wenn der andere mich direkt fragen muss, ob ich bei ihm mähen kann, ohne vorher ein Mir-geht-es-ja-so-gut-Theater vorgespielt zu bekommen.

Um etwas zu bitten, das mach braucht – und zwar dann, WENN man es braucht – ist Selbstfürsorge. Es ist lebensnotwendig. Es ist Eigenverantwortung. Je mehr Menschen das gekonnt umsetzen, desto einfacher wird das Spiel mit Ja und Nein, Bitte und Danke. Weil die Verstrickungen, die Abgabe von Selbstverantwortung und Übergriffe auf fremde Verantwortungen dann weg fallen. In Wirklichkeit tut man seiner gesamten Umgebung etwas Gutes, wenn man klar sagt, was man gerade braucht, was man geben kann, und was man nicht geben kann. Den Menschen, die man liebt, kann man überhaupt kein größeres Geschenk machen, finde ich.

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