Das ist eine kleine Geschichte von Schuld. Allerdings nicht von einer Schuld, die ich auf mich geladen hätte – obwohl es sich immer als eigene Schuld angefühlt hat – sondern von einer Schuld, die Stiefopa auf sich geladen hat.

Bis ich über dreißig Jahre alt war, hing ich über diese nicht gesühnte Schuld an ihm dran wie ein Esel am Führstrick. Dabei war er schon lange tot. Ich war neun, als er starb. Und obwohl ich ein halbes Jahr vorher ganz bewusst und in aller kindlichen Klarheit Vegetarierin geworden war, ging ich zu meiner eigenen Verwunderung nach der Beerdigung an den Kühlschrank, holte eine rohe Salami aus dem Wurstfach und aß. Ich aß und aß. Das hat mich selber mehr beeindruckt als die große Beerdigung mit all den Leuten und der traurigen Stimmung. Während sein Sarg in die Erde gelassen wurde, konnte ich nur an die Salami im Kühlschrank denken und daran, dass ich „dringend Fleisch brauchte“.

Jedenfalls hing ich Jahrzehnte später geistig an Rudl, dem alten Knochen, immer noch dran. (So haben wir ihn getauft, um seinem Namen die Bedrohung zu nehmen).  In allen – wirklich ALLEN – Bereichen, in denen Menschen sonst aufrecht und frei über ihr Leben entscheiden, waren die Folgen von Stiefopas Vergehen immer dabei und ich hielt den Ball so flach, wie nur Opfer es können.

Bis der Tag näher rückte, an dem ich wutentbrannt über das nicht enden wollende Leid mit dem erlittenen Missbrauch abschließen wollte. Ich hatte den Kanal gerammelt voll. „Wie könnte ich?“, musste ich mich aber immer wieder selber fragen. „Wo die Folgen doch so einschränkend und dramatisch sind?“

Mein Osteopath und Therapeut erzählte mir damals von einem Jungen, der hellsichtig wäre. Nennen wir ihn Magnus. Nach allgemeiner Definition war er körperlich und geistig schwer behindert („schwer in Ordnung“ ist der neue Terminus!), aber mein Osteopath sah eben manchmal auch hinter die Diagnosen. Und so fragte er Magnus mit meinem Einverständnis, ob er ihm spontan etwas zu einer jungen Frau namens „Anke“ sagen könnte.
„Opa“ tippte Magnus in seine Sprachhilfe ein. Und: „Angst. Kann nicht zu Gott.“

Darüber dachte ich lange nach. Ich weiß heute noch als sei es gestern, wie ich beim Blätterkehren vor dem Haus stand. Es war Ende Oktober 2012. Und es kam nach vielem Nachdenken über Rudl, den alten Knochen, über sein Vergehen an mir und über all die Folgen eine unglaubliche Ruhe über mich. Ich hatte das Gefühl, dass auf einmal etwas in Ordnung kam.
Und dann hatte ich das Gefühl, dass eine unselige Verbindung sich gelöst hatte.
Die Entscheidungen über mein Leben fielen ab da zunehmend selbstbestimmter aus. Denn mich verließ peu à peu das bis dahin gelebte Gefühl, den Umständen und all den Menschen um mich herum ausgeliefert zu sein.

Das erzählte ich meinem Osteopathen. Als dieser Magnus das nächste Mal sah, fragte er ihn nach Ankes Opa. „Bei seinem Gott“ tippte Magnus.

Aus dieser und auch aus anderen Erfahrungen heraus glaube ich heute, dass es schuldhafte, sehr unselige Verbindungen zwischen zwei Menschen gibt, die beide am Leben (oder allgemein am Weitergehen) hindern. Ich glaube, dass es elementar ist, diese Verbindungen zu lösen, damit man leben und weiter gehen KANN. Und ich glaube auch, dass das jeweilige Opfer die Verbindung am ehesten lösen kann. Wie sollte der Schuldige es tun? Kann man sich selber vergeben? Vielleicht ja. Wahrscheinlich. Mit entsprechender Reue. Aber wie viel stimmiger und harmonischer kann das ehemalige Opfer die schuldhafte Verbindung lösen, indem es die eigene Macht in die Hände nimmt.

Dadurch, dass Stiefopa offenbar auf MEINEN Impuls warten musste, um zu Gott gelangen zu können, lag die ganze Macht ja auf einmal bei mir.
So, wie sie ganz bei ihm gelegen hatte, als ich ein kleines Mädchen war, lag sie diesmal ganz bei mir. Und das einzig Richtige war, sie NICHT zu missbrauchen, ihn NICHT länger warten zu lassen, sondern sie gut und richtig anzuwenden. Das habe ich getan, indem ich ihm gewünscht habe, dass er weiter gehen und zu seinem Gott gelangen konnte.
Als ich dort stand und Blätter kehrte und mir seine Situation vor Augen hielt, habe ich es ihm gewünscht. In dem Moment hat sich das „Band der Schuld“ zwischen uns gelöst. Und nicht nur er war danach frei, sondern auch ich.

PDF-Download (bitte klicken)