Ist man es nur wert zu leben, wenn man schuldfrei ist?
Und wie nah ist diese Frage eigentlich an der „Todesstrafe“ dran?

Muss man es sich verdienen, leben zu dürfen?
Ist das Recht auf Leben nicht längst entschieden, wenn man geboren und lebendig ist?

Ihr Lieben, das gestrige Thema hat in der Nacht heftig in mir gearbeitet, wie ihr seht. Und dabei ist fast so etwas wie Wut hoch gekommen. Wahrscheinlich darauf, dass es nicht einfach ist im Leben. Nie. Und dass man letztendlich SELBER mit seinen Schuldgefühlen hinkommen muss, wenn man Leben WILL. Denn exakt darauf läuft es hinaus.

Es kommt kein strahlender Ritter in weißer Rüstung an, der sagt: „Mein Kind, ich erlöse dich von all deiner Schuld, ich nehme sie mit mir – und dich als meine geliebte und respektierte Anvertraute gleich dazu – nun bist du rein und verdienst es, zu leben.“ Es kommt ohne klare Aufforderung und laute Bitte um Vergebung auch kein schnaufender Pfarrer angeritten, der das sagt. Da muss man seinen Hintern schon selber rum schwingen und ganz aktiv daran ARBEITEN, dass man mit seinen Schuldgefühlen leben kann. Und vor allem daran, dass man sie ausgleicht und seine Schuld dadurch wieder löst.

Und dann ist es ja oft noch so, dass man Schuld fühlt, obwohl man überhaupt keine hat. Nicht ansatzweise. Überall dort, wo die eigene Seele missbraucht worden ist. Dann fühlt man quasi die Schuld des Täters, obwohl man selber Opfer ist. Weil man durch dieses unselige „Band seiner Schuld“ mit ihm verbunden ist. Erst wenn das Kunststück gelingt, dass man mit den Folgen des erlittenen Missbrauchs klar kommt und dem Täter dann auch verzeihen kann, löst man dieses Band der Schuld auf und man ist frei von ihr. Und der souveräne Umgang mit den Folgen von Missbrauch, dieses Heilen der eigenen Seele, das ist leider knochenharte Arbeit. Sich aus der gefühlten Ohnmacht heraus zu kämpfen, in die man von anderen Menschen gedrängt worden ist, ist manchmal ein komplettes Lebenswerk. Es bedeutet, dass man über seinen Schatten springen und über sich selbst hinaus wachsen muss.

Und dann gibt es eben auch die Schuld, die man tatsächlich hat. Moralisch, ganz unabhängig von jeder Juristerei. Ich glaube nicht, dass es einen erwachsenen Menschen auf dieser Welt gibt, der im Laufe der Jahre nicht die ein oder andere, kleine oder große Schuld auf sich geladen hat. Manchmal sieht man nicht genau hin, manchmal hat man aus Verzweiflung keine andere Wahl, manchmal gibt es noch ganz andere Gründe. ZACK, hat man sich schuldig gemacht und Ja, auch ich finde es wahnsinnig schwer, dann wieder mit mir ins Reine zu kommen.

Genau dafür gibt es glücklicherweise das Prinzip der „Wiedergutmachung“ und „Verzeihung“. Ich sehe es so, dass man bei der „Wiedergutmachung“ etwas dafür tut, dass das Leid auf der Welt vermindert wird und die Freude vergrößert. Idealer Weise bei dem, an dem (und dessen Angehörigen) man sich schuldig gemacht hat. Aber wenn das nicht oder nicht mehr möglich ist, eben woanders. Damit man in sich selber den Ausgleich erlangt zwischen Leid, das man verursacht und Freude, die man geschenkt hat. Ich sehe das bildlich vor mir als große Waage mit zwei Waagschlen. Hat man Leid in die eine gefüllt, gehört Freude in die andere, damit die Waage wieder im Ausgleich ist. Und wenn es ideal läuft, wiegt die Freude, die man selber erlebt und auch bewusst in die Welt hinein getragen hat, am Ende des Lebens mehr.

Wenn man sich selber keinen Bissen und keine liebevolle Aufmerksamkeit gönnt, weil man sich zu Recht oder zu Unrecht schuldig fühlt, bringt das keinen Ausgleich. Das ist falsche Sühne und nichts als ein fataler Irrtum. Denn dadurch wird das Leid, das es in der Welt gibt, nur vergrößert. In erster Linie für sich selbst, aber auch hammerhart für alle, die einen lieben und in größerem oder kleinerem Umfang auch für diejenigen, die innerlich Anteil nehmen. In gewisser Weise lädt man dadurch weitere Schuld auf sich, obwohl mir völlig klar ist, wie hart das hier klingen muss. Deshalb sage ich auch deutlich, dass es beinahe übermenschlich ist, aus so einer Situation wieder heraus zu kommen. Ich ziehe den Hut vor jedem, der es schafft. Was sage ich. Zehn Hüte. Hundert. 1001.
Gleichzeitig sehe ich aber gar keinen anderen Weg als den der Selbstliebe und Selbstfürsorge, um den Ausstieg aus diesem Kreislauf von gefühlter Schuld und völlig falscher Sühne zu schaffen.
Wer es schafft, zeigt Lebenskunst, erlebt Freude und schenkt Freude.

In selbst aufrecht erhaltener Hilflosigkeit darauf zu warten, dass die Schuldgefühle sich von alleine auflösen, während man sich von anderen Menschen am Leben halten lässt, ist dagegen keine Lebenskunst. Entschuldigt diese Klarheit. Egal, wie attraktiv es sein mag, auf diesen weißen Ritter zu warten, der die Situation – endlich – erkennt und einen dann aus ihr heraus rettet, indem er sagt: „Ich nehme dir deine Schuld, ich erkenne deine Bemühungen an, du bist richtig, du bist es wert zu leben und du hast es verdient, dass es dir gut geht“, es ist nicht die Lösung.
Das heißt, diesen weißen Ritter gibt es schon. Aber er sitzt eben in einem selber drin. Und es ist verdammt schwierig, an ihn heran zu kommen. Ich glaube, genau DAS ist „der Kampf“, wenn ich mitlese, wie jemand „weiter kämpft“ und „durchhält“. Dass man die Antwort IN SICH SELBER findet. Und wenn man sie hat, braucht man nicht mehr bei jedem einzelnen Bissen überlegen, ob man den auch wirklich verdient hat. Sondern dann muss man möglichst viele Bissen essen, damit man die Kraft hat, das Leben mit all seinen Spielregeln samt Schuld, Unschuld und Ungerechtigkeiten immer wieder neu für sich und andere in Ausgleich zu bringen und zu meistern.

Mir ist schon klar, dass dieser Text bei vielen auf helle Empörung stoßen muss. Die kenne ich schließlich selbst. Ich WAR jahrzehntelang auf der Opferseite und im entsprechenden Denken gefangen.
Ich habe selber auf den weißen Ritter gewartet, der mich von jeder Schuld frei sprechen und wieder rein machen sollte, und liebenswert.
Man könnte sagen, dass er tatsächlich kam. Aber nicht, um mich mittels SEINER Kraft zu retten. „What the fuck“, hat er zu mir gesagt, „wie lange willst du dich denn NOCH selbst bemitleiden und alle Menschen in deiner Umgebung in der Sorge um dich in Atem halten?“
Und „Ich lasse dich jetzt wieder mit deinem Leid allein“, hat er nach einem längeren Gespräch gesagt, in dem er mir zu Hilfe geeilt war. „Ich bin heute Abend nämlich noch im Biergarten verabredet.“
Dieser Satz hat den Kreislauf – Teufelskreis, möchte ich fast sagen – aus erlebtem Missbrauch, daraus folgenden, eigenen Schuldgefühlen und Schuldgefühlen, die ich bei ANDEREN durch mein Leiden verursacht habe, gesprengt.
Es war das Heilsamste, was je ein Mensch in meinem ganzen Leben zu mir gesagt hat.

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